Weihnachten und Silvester in der Sahara

23. Dezember 2006 bis 6. Januar 2007

 

23. 12.2006
Verladen in Genua

Erstes Gruppenbriefing zur Zollabfertigung im Hafen in Genua
Strahlendes Himmelblau, scharfer Wind und 10 Grad Celsius: wir warten auf das Verladen. Hunderte Fahrzeuge, darunter unzählige Geländewagen aus ganz Europa warten auf das übliche Chaos beim Boarding. Imposante Gepäcklagerungen auf den tunesischen Pkw und die üblichen ersten Benzin- und Ausrüstungsfachsimpeleien. Tschüß Europa!

 
  

24.12.2006
Spätes Weihnachtsmenü
Fähre, Zollhafen und abendliches 4-Gänge-Menü a la Tunise sind die Highlights des Tages. Das Hotel hat für seine europäischen Gäste einen Christbaum mit amerikanisch blinkender Beleuchtung aufgestellt.
Unsere Fähre nach Tunis ist reichlich ausgebucht. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob alle Fahrzeuge, die im Hafen standen, auch Platz auf einem der Decks fanden. Jedenfalls ist ein   Fahrzeug unserer Gruppe das definitiv letzte Auto, ehe die Schiffscrew die Klappe schloss.
Den Weihnachtstag verbringen wir wenig spektakulär. Die Meisten nutzen die Zeit, sich auszuschlafen. Diverse Treffs auf den Kabinen erinnern an lange vergangene Klassenfahrt-Zeiten.
Das erwartete Chaos bei der Ankunft im Hafen in Tunis tritt dann auch ein. Zur Ehrenrettung tunesischer Grenzpolizei- und Zollbeamter muss man die Schuld aber den durcheinanderwirbelnden Touristen anlasten. Im Gegensatz zu den heimreisenden Tunesiern sind unsere Autos und unser Equipment nicht von Interesse für die Einreisebehörden. Wir sammeln unsere Gruppe an diversen Hafenausfahrten zusammen. Einer unserer Crews sind auf dem Schiff alle Papiere und das Bargeld abhanden gekommen. Tunesische Sicherheitsbeamte und die deutsche Botschaft mühen sich. Als sich die Gürteltasche schließlich samt allem Inhalt auf dem Parkdeck anfindet, sind nicht unsere beiden Mitreisenden erleichtert. Strömender Regen begrüßt uns an Land. Unsere Autos finden vor dem Hotel Standplatz in tiefen Pfützen.
Kurz nach 22 Uhr Weihnachtsessen im Hotel Lido mit 4 Gängen tunesischer Küche und sehr akzeptablen Weiß-, Rose- und Rotweinen. Der Abend wird nicht lange ausgedehnt. Wir wollen zeitig starten am kommenden Morgen. Im Bett fliegen die eigenen Gedanken dann wieder nach Hause. Zu Daheimgebliebenen. An die weihnachtlichen Runden, die Kirchenbesuche, leuchtende Kinderaugen im Kerzenlicht. Das alles ist weit weg  und doch ganz nah.

 

25.12.2006
Transfer nach Douz
Reichlich 500 km über Autobahnen und arabische Landstraße nach Süden.
Der kräftige Wind hat über Nacht die Regenwolken weg geschoben. Große Wolkenlücken lassen die Sonne aufs Land scheinen. Vorbei am Heiligtum Kaiouran winden wir uns weiter nach Süden Richtung Matmata. Die Sonne steht schon tief, als wir den Blick über das Land der Berber schweifen lassen.
Die letzten einhundert Kilometer spulen wir als schnellen Transfer mit der untergehenden Sonne vor Augen ab. Am frühen Abend erreichen wir Douz; das Tor zur Wüste.
Die kleine Wüstenstadt pulsiert im nächtlich arabischen Lebensstil.
Beim Abendessen sitzen wir um den mitgebrachten Schwarzwälder Weihnachtsbaum. Dekoriert mit italienischen Christkuchen und echten Kerzen. Zu viel Schokolade (von zu Hause) und reichlich Rotwein (aus dem tunesischen Weinanbaugebiet) und reichlich Lachen bescheren einen entspannten Abend.

 
  

26.12.2006
Volksfest in Douz
Arabische Lebensfreude und erster Sandkontakt
Wir erledigen unsere Pflichteinkäufe (Trinkwasser, Diesel, Turbantuch) in Douz. Fast uns zu Ehren hat sich die kleine Wüstenstadt herausgeputzt. Das alljährliche Volksfest mit Reiterspielen für Kamele und Pferde bringt Glanz nach Douz. Tänzer und Musiker, Kamel- und edle Pferdereiter lassen Geschichten aus 1000 und einer Nacht in unseren Köpfen erwachen. Beim Bummelüber den Markt und durch die Gassen riechen, fühlen und schmecken wir Arabien. Andere Gerüche, fremde Klänge und leuchtende Farben…
Nach dem Mittag erstes Sandtraining in der Sahara. Unsere Neulinge müssen lernen, dass Sand weich wie Mehl und hart wie Beton sein kann. Und dass der Wind innerhalb weniger Minuten eine Fahrspur tilgt. Und dass der gleiche Wind auch bei kurzem Wortwechsel hunderte Sandkörner zwischen unsere Zähne platziert.
Am Abend holt uns das Volksfest im Hotel ein. Eine tunesische Schulklasse feiert ihre Klassenfahrt in unserem Hotel. Der Klang der Trommeln und der Orientalischen Flöte und die Gesänge der Mädchen reißen einige unserer Teamgefährten zum Tanz hin. Deutschland und seine Gepflogenheiten sind unendlich weit ...

 

27.12.2006
Tschüß, Zivilisation!
Die Sahara nimmt uns auf in ihren Schoß. Ein letztes Mal in diesem Jahr beginnt der Tag mit den üblichen Badritualen: Dusche benutzen, den Fön zum Trocknen der Haare einschalten, beim Verlassen des Zimmers die Heizung herunter drehen. Letztes Frühstück im Hotel; Sand und unendliche Weite umfangen unsere Gruppe.
Entlang am Zaun des Nationalparkes zeigen die Staubfahnen uns ggf. nachfolgenden Reisen unseren Weg an. Unzählige kleine tiefgrüne Pflanzen begleiten unseren Weg. Es hat viel geregnet in den letzten Tagen. Auch diejenigen, die es bisher nicht glaubten sehen jetzt: die Wüste lebt.
Erster Stopp am Cafe du parc. Mutiger Wind garniert unsere Picknickbretter mit Sand. Peeling für die Zähne auf tunesisch.
Der Sand ist fest und trägt die Autos mühelos. In der Nähe der ersten Dünentüre unser erstes Camp. Die „alten Hasen“ sollen den Neulingen den Aufbau der Gruppenzelte nahe bringen und verzweifeln selbst an dem neuen Modell.
Wärmendes Feuer, Linsensuppe, Glühwein und Dresdner Stollen. Die Nacht wird nicht so kalt, wie erwartet. Die Neuen sehen jenen unbeschreiblichen Sternenhimmel. Wessen Gedanken hier nicht ihre eigene Reise antreten, muss blind sein. Und mit dem Herz kann man hier sehen…

 
  

28.12.2006
Wo ist eigentlich Europa?
Wisst Ihr, wie man „Weite“ fühlt? Ein Blick in den Tambain hilft!
Jene Zeit, die wir eher zum Schlafen gingen, stehen wir am Morgen später auf. Jedenfalls die meisten der Gruppe sind überzeugt, schon lange nicht mehr so gut geschlafen zu haben.
Bereits um 9 Uhr morgens wärmt die Sonne und es gehört weder Abhärtung noch Übermut dazu, im T-Shirt das Camp einzuräumen. Himmelsblau und goldener Sand bis zum Horizont. Und der ist wirklich weit weg hier!
Obwohl wir nicht weit ab der wichtigen Dünenpassagen sind, treffen wir heute nicht auf andere Saharareisende. Mit Ausnahme einer kleinen Kamelkarawane. Das Gefühl, der Welt entflohen zu sein, wird immer stärker.
Körperpflege, Lesen und Weingespräche im unbeschreiblich schönen Sonnenuntergang. Wo ist eigentlich Europa?

 

29.12.2006

Overnight in Ksar Ghilane

Kein Reisender der Tunesischen Sahara, der nicht wenigstens eine Nacht in der Oase Ksar Ghilane verbrachte

Die Sahara zeigt uns heute ihr anderes Gesicht. Riesige Ebenen, staubige Pisten und ganz viele junge Wüstenpflanzen. Manche staubig grau, andere saftig und trotzig grün.

Wir glauben schon, die Oase zeitig am Nachmittag zu erreichen. Der Blick von dem alten römischen Fort hinüber zum Palmengarten von Ksar Ghilane reicht nur einen knappen Kilometer. Dazwischen liegt ein kleiner Dünengürtel. Und der lehrt uns heute das Fahren im tiefen Sand. Das Benutzen von Spaten und Seilwinden. In einer knappen Stunde werden Speicherkarten der Fotoapparate mit Szenen der Bergung unserer Autos gefüllt.

Die Letzten erreichen die große Palmengruppe kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Es ist war. In der Luft und in den kleinen Seen. Im Schein des Lagerfeuers leuchten die gewaschenen Gesichter.
 
  

30.12.2006

Sonnenuntergang um Brunnenhaus
Eine kurze Etappe bietet Zeit zum Sonnenbad, zum Lesen, zum Reden.

Die warmen Teiche der Oase dehnen die heutige Morgentoilette aus. Erst spät startet unser Konvoi. Wir umfahren so gut es geht die tückischen Dünen des Vortages und rollen direkt zum alten Brunnenhaus am Rande des ausgetrockneten Flussbettes. Der Beschluss kommt ganz schnell zu Stande: für heute keine weiteren Fahrten mehr. Statt dessen Relaxen im Sand. Jeder genießt den Nachmittag auf seine Art. Im gleißenden Sonnenlicht mit einem Buch, einem Glas Wein, wandernd durch die Dünen, mit dem Auto in der benachbarten Großdüne.

Die Abendsonne taucht den Horizont in Farben, die unsere Fotoapparate nicht einfangen.

Familie Schneider bereitet des Abendessen: Rolladen mit Rotkraut und Spätzle. Manchmal ist die Heimat ganz nah, hier draußen im Sand.
 

31.12.2006

Silvester in Sabria

Sandspiele, Beduinen und Feuerwerk

Nebel umhüllt unsere Autos. Das Brunnenhaus steht schemenhaft im durchbrechenden Sonnenlicht.

Unsere heutige Dünenetappe führt durch leuchtenden Sand Richtung Nordwesten nach Douz. Die Sonne hat den Nebel lange verdampft und rötet die Arme und das Gesicht. Zwanzig Grad und wenig Wind; Sommergefühle.

In Douz füllen wir Wasser- und Treibstoffbestände auf und rollen weiter nach Westen. Rechts und links liegen Salzseen.

Gunther Schneider hat eine Silvesterüberraschung für uns: Beduinenfest in einer wieder aufgebauten Kollonialstation in Sabria. Im historischen Ambiente und unter Beduinenzelten, begleitet von Musik, Gesängen und Tanz der Beduinen erleben wir traditionelle Küche. Wir Deutschen lassen die Tunesier, Italiener und Franzosen Anteil haben am mitgebrachten Feuerwerk und wünschen uns gegenseitig: Bon année!
 
  

1.1.2007

Neujahr auf Arabisch

Navigationstraining durch weiche Dünen

Zeitiger als erwartet ist unsere Crew auf den Beinen. Die für unsere Reiseverhältnisse lange Silvesternacht hat keine erkennbaren Spuren in den Gesichtern hinterlassen. Einige unserer mitreisenden „Menschinnen“ haben uns ein traumhaftes Neujahrsmenü gezaubert. Das kalte Büffet im Wüstensand würde manches heimatliche Brunchrestaurant erblassen lassen.

In Gruppen wollen wir die heute die vorgegebenen GPS-Punkte finden. Ein fast sommerlicher Tag nimmt uns in die Arme und schickt uns in den Sand. Meine Gruppe findet tapfer einen Pfad durch das Weichdünenfeld und erreicht stolz den Brunnen und das Windrad. Unser Ehrgeiz beim Auffinden aller GPS-Punkte wird mit einer wunderschönen Tour belohnt.

In einem aufgelassenen Palmengarten bestaunen wir das helle Mondlicht und den Sternenhimmel Arabiens.
 

2.1.2007

Im Sandrosenfeld

Weite Ebenen im Chott el Cheritt, sanfte Dünen und unser letztes Outdoor-Camp

Die Salzseen des Chott el Cheritt kleben an unseren Reifen. Der Boden ist weich und erinnert an heimatlichen Lehm.

Am Mittag haben wir das angepeilte Sandrosenfeld erreicht. Kisten und Säcke finden neuen Inhalt mit diversen Sandrosen aller Größen und Formen.

Durch sonnenbeschienene Dünen führt uns der Weg zu unserem letzten Campplatz dieser Reise. Der ehemals prächtige Palmengarten ist seit Jahren verlassen. Der inzwischen wieder in Gang gesetzte Brunnen lässt auf eine neue Zukunft hoffen.

Letztes Lagerfeuer. Zum letzten Mal auf dieser Reise jenes unbeschreiblich schöne Nachtlicht. Gezaubert von einem Vollmond, wie ihn wohl nur die Sahara bieten kann. Und umrahmt von Orion. Gute Nacht, Sahara!
 
  

3.1.2007

Schlussetappe mit Hindernissen

Die Sahara will uns nicht abreisen lassen und hält uns auf

Zum letzten Mal auf dieser Reise dampft der Kaffee in die kühle Morgenluft der Sahara. Zum letzten Mal auf dieser Tour, verpacken wir Zelte und Teller, Besteck und Schlafsäcke. Der Himmel hat sich ein wenig in graue Schleierwolken gehüllt.

Auf den letzten „Outdoorkilometern“ ereilt eines unserer Fahrzeuge der Pannenteufel. Eine zu schnelle Einfahrt in einen zu hohen Sandhügel bereitet der Vorderachse einen bösen Schaden. Vor-Ort-Reparatur ausgeschlossen! Mit Hilfe tunesischer Wüstenpannenhelfer (mit spektakulärem Bergegerät!) wird unser Havarist sein Auto erst am übernächsten Morgen am Fährhafen in La Guelette wiedersehen.

Wehmütig nimmt man dann den Allradantrieb heraus. Ein paar Kilometer später füllen wir die Reifen wieder auf straßentauglichen Luftdruck. Unser Weihnachtsabenteuer geht unweigerlich zu Ende.
 

4.1.2007

Durchs Atlasgebirge nach Norden

Von Douz über Kebili nach Tunis führt die Rücktour

Durch unzählige Dörfer und kleine arabische Städte winden wir uns auf einer etwas westlicheren Route nach Norden Richtung Tunis.
In einem Ausläufer des Atlasgebirges sehen wir die Reste des römischen Limes. Ganz ohne Allradantrieb und Untersetzung, ohne Winde und Spezialreifen sind die Römer hier her gelangt.
Durch Rush-Hour-Gewimmel von Tunis erreichen wir unser Abschiedshotel neben dem Fährhafen in La Guelette.
 
  

5.1.2007

Tschüß Afrika!

Unser Fährschiff „Carthage“ bringt uns über das Mittelmeer zurück nach Europa

Das Verladen auf die tunesische Fähre geht unspektakulär und flott „über die Bühne“. Mit nur wenig Verspätung verlässt die „Carthage“ den Fährhafen und nimmt Kurs auf Genua.

Beim Abendessen fehlen auffallend viele Fährgäste. Das Mittelmeer zeigt sich von seiner bewegten Seite.