Auf alten Schmugglerpfaden durch die Pyrenäen

12. bis 21. Oktober 2005


 
12. Oktober
Die Cote-Azur begrüßt heute in dichten Wolken. Also eher wenig „blau“. Dafür reichlich grau
mit Tendenz auf fast schwarz. Die Temperaturen sind mit fast 24° aber sehr versöhnlich.
In Spanien dann Wolkenbrüche! Die Scheibenwischer schaffen es nicht.
Um Haaresbreite schiebe ich einen Kleinwagen in einer Kurve von der Straße. Von da an manchmal nur noch Schrittgeschwindigkeit. Das erste Etappenhotel begrüßt mit nachlassendem Regen und wohliger Wärme.
Der Blick vom Zimmerbalkon lässt Sommerurlaubs-Ahnungen aufkommen. Abendessen in einem modernen und geschmackvollen Fischrestaurant. Sehr lecker! Auch der Wein!
 
 13. Oktober
Der Morgen startet mit dem Wetter, welches gestern versprochen war: es regnet, als wolle der Himmel alle Berge ins Meer spülen. Ansatzweise tut er das auch.
Besuch im Wohnhaus von Salvatore Dali in Cadaqués. Wohl kommerzialisiert, aber nicht ohne Charme besichtigt man die Wohn- und Arbeitsräume, das Anwesen des skurrilen Meisters. Unbeschreibliche Verspieltheit und Leichtigkeit, beneidenswerte Phantasiefülle. Der Besucher lächelt über Schrullen, staunt über technische Raffinessen und freut sich an architektonischen Überlegtheiten und Übermütigkeit.
Der Rest des Tages ertrinkt in unvorstellbaren Regenmengen. Sofern es nicht sintflutartig regnet, befindet man sich in den Wolken. Nur selten weitet sich der Blick. Die Schönheit der Landschaft muss man heute ahnen. In den Nachrichten wird von Katastrophenzuständen in Katalonien berichtet.
Das Essen am Abend mit hervorragender Seezunge versöhnt.
  
Drei Tage mit mannigfaltigen Eindrücken. Das Wetter wechselt im Verlauf von „katastrophal“ zu „phänomenal“. Die drei Tagestouren sind ebenso unterschiedlich: 
 14. Oktober
Wir verlassen die Küstenregion mit einem kurzen Abstecher nach Frankreich. Überquerung eines Passes. Die sicher schöne Sicht über die Küste müssen wir uns vorstellen. Wolken hüllen unsere Fahrt über weite Teile des Tages ein. Die Strecke ist dennoch schön zu fahren. Korkeichen säumen den Weg.
In 700m Höhe besichtigen wir ein vor fünfzehn Jahren am Berg zerschelltes
Flugzeug. Plötzlich hat man ein Gefühl dafür, wie schwierig es für Rettungsmannschaften ist: schlechtes Wetter, schwer zu erreichende
Stelle, unwegsames Gelände.
  
 15.Oktober
Das Wetter wird allmählich besser. Die Sturzbäche von den Bergen herunter bleiben uns erhalten. In mehr als tausend Meter Höhe holen uns noch einmal die Wolken ein. Tiefe Korkeichenwälder wirken märchenhaft und verträumt.
Die kleine Bergkapelle wirkt schutzlos hier und überdauert doch schon einige hundert Jahre. Später reißt der Blick wieder auf. Wir durchqueren die Ausläufer der Pyrenäen.
  
 16. Oktober
Das Wetter hat sich gewendet. Strahlendes Blau überdacht uns die meiste Zeit des Tages. Die Landschaft hat sich von dichten Korkeichenwäldern zu sanften Bergen mit über 1.500m Höhe gewandelt.
Der Blick kann weit schweifen. Manchmal wollen die Augen nicht genug davon bekommen. In Planoles finden wir ein Bergdorf wie aus einem Bildband.
Das kleine Café ist wundervoll unbeholfen mit den vielen fremden Besuchern. Einen solchen Bestand an Tassen hat man nicht bereit.
Wundervolle Überfahrt über den Col Verde und Besuch in Puigcerdá.
  
 17. Oktober
Strahlender Sonnenschein eröffnet den Tag. Er halt Kühle mitgebracht. Bei 3°C fällt die Routenbesprechung an den Autos kürzer aus.
Leuchtende Farben tauchen den Nationalpark in ein herbstliches Kleid. Die Sonne meint es gut und treibt auch in 1.600m Höhe die Temperaturen schnell an die 20°-Marke.
Polizei und Guardia Civil wachen über die Einhaltung der Reisedisziplin. Wir achten auf den Abstand und die Geschwindigkeit unserer Gruppen. Ganz langsam erobern unsere Fahrzeuge die Wege durch unberührte und doch gepflegte Natur.
  
 18. Oktober
Die Unwettter der letzten Tage kehren zurück in die Berge. Wir müssen einen Teil der heute geplanten Etappe streichen. Die Tour ins "Tal der Geier" würde ganz in den Wolken stattfinden müssen. Also begnügen wir uns mit dem "Val d' Pallaresa". Trotz Dauerregen eine besonderes Naturerlebnis.

Die Durchfahrtsbestimmungen sind streng. Wir verlassen den Nationalpark am Wintersportort Baqueira.
  
 19. Oktober
Sonnenschein hat die Regenwolken verdrängt. Die heutige Tour führt vorbei an den ganz hohen Bergen der Pyrenäen. Das Auge will die Weite festhalten.
Die Berge sind gewaltig und sanft. Verspielt halten sie kleine Wolken fest. Als wollten sie dem Betrachter ihre Kraft demonstrieren. Überstrahlt von einem Himmelsblau, wie es sonst Bildbänden vorbehalten ist.
Unser Konvoi bleibt heute komplett. Zwölf Geländewagen durchrollen hochgelegene Dörfer und kleine Städte. Hunde und Pferde auf den Dorfstraßen nehmen kaum Kenntnis von uns Strörenfrieden.

Der vorletzte Tag in den Bergen…
  
 20./21. Oktober
Der morgendliche Nebel entlässt uns nur widerwillig. In den Tälern hält er sich länger, jetzt Ende Oktober. Um so strahlender zeigt sich die Sonne auf den Bergen.Die letzte Etappe führt uns zu den zwei vielleicht spektakulärsten Landschaften der Tour. Im ersten Bergdorf ermahnt uns die Staatsgewalt an die Einhaltung der Verhaltenregeln in den Naturparks. Langsam klettern wir auf den Sahún-Pass. Das Vorwärtskommen wird von den Fotostopps gebremst. Nach jeder Serpentine meint man, das sei nun der ultimativ schönste Blick. Auf der Passhöhe stehen wir fast stumm. Die Welt ist groß hier oben. Das Auge kann sie nicht fassen. Der Verstand vielleicht. Der Geier vor uns und die über den nahen Gipfeln kreisenden Adler entrücken die Bilder noch weiter.

Zwei Stunden sind wir wieder ganz still. Hunderte Meter hohe Felswände säumen die kaum mehr als zwei Meter breite Straße. Kilometerlang schlängelt sich der Canyon. Die Eindrücke sind so überwältigend, dass die Funkgeräte ganz still bleiben. Das Getöse des Wasserlaufes bringt das Nageln unserer Dieselmotoren unter seine Herrschaft.
Letzter „cafe solo“ im Garten eines Dorfrestaurants dann starten wir zum Abschiedsabend in unser Hotel.

Zwanzig Kilometer vor dem Ziel verweigert der Motor meines Patrol plötzlich den Dienst. Schließlich beendet er die Pyrenäentour auf einem Trailer des ADAC. Ich erlebe noch die Flughäfen von Barcelona und Berlin auf der Heimreise.